Worauf beruhen Entscheide?

Worauf beruhen Entscheide?
Dshamilja im Parlament / Prompted by Tobi

Am 18. Dezember 2025 sass ich als Stellvertreterin im Gemeindeparlament. Auf diesem Stuhl zu sitzen, im Namen der Stimmbürger:innen mitzuentscheiden, war kein alltäglicher Moment. Ich war aufmerksam, zugegeben auch aufgeregt. Solche politischen Runden kenne ich sonst aus Vorlesungen. Nun war ich mittendrin.

Ich hörte zu. Und merkte schnell, wie sehr mich manches irritierte. Ich hatte erwartet, dass Argumente auf einer nachvollziehbaren Grundlage stehen. Nicht, weil jede Aussage wissenschaftlich belegt sein muss, sondern weil ich annahm, dass systematisches Wissen eine Rolle spielt. Stattdessen erlebte ich, wie wissenschaftliche Erkenntnisse relativiert oder ignoriert wurden. Als wären sie optional.

Diese Irritation verdichtete sich zu einer Frage: Wodurch zeichnet sich im parlamentarischen Kontext ein gutes Argument aus? Durch Erfahrung? Überzeugung? Oder durch die Bereitschaft, das Argument am Stand der Forschung zu überprüfen?

Das Milizsystem bringt Menschen ins Parlament, die mitten im Alltag stehen. Diese Nähe ist eine Stärke unseres Systems. Doch problematisch wird es, wenn aus individuellen Perspektiven Allgemeingültigkeit abgeleitet wird. Ohne Einordnung verwandeln sich Hypothesen zu Gewissheiten.

Politische Debatten formen öffentliches Verständnis, legitimieren Entscheide und betreffen Menschen, die nicht am Tisch sitzen. Ich erwartete geprüfte Argumente – doch um eine Abstimmung zu gewinnen, braucht es offensichtlich die Mehrheit, nicht zwingend Fundierung. Wer in dieser Position entscheidet, trägt Verantwortung und sollte anerkennen: Überzeugungen und Erfahrungen bilden nicht automatisch die Realität ab. Deshalb braucht es Wissenschaft, die zwingt, über das Eigene hinauszudenken. Sie ist jedoch nicht gewählt, nicht wertfrei und selten eindeutig. Ihre Erkenntnisse müssen politisch übersetzt werden und genau darin liegt jene Verantwortung, die ich vermisste.

Das war es wohl, was mich irritierte: Nicht der Streit, nicht die Meinungen. Sondern wie leicht manche mit schwachen Argumenten Wirkung entfalteten.

Dieser Text ist am 23. Januar 2026 als Blickwinkel Kolumne in der NOZ erschienen.