Wie sich der Oltner Stadtrat dadurch, dass er nicht zu seinen eigenen Fehlern stehen kann, das Leben schwer macht und den Erfolg der Schulanlage Kleinholz an der Urne gefährdet.

Für die Märzsitzung des Oltner Gemeindeparlaments ist ein Baukredit in der Höhe von 40 Millionen für den Bau der Schulanlage Kleinholz mit Dreifachturnhalle traktandiert. Endlich wird es konkret. Wenn das Parlament der Vorlage zustimmt, kommt es noch vor den Sommerferien zur Volksabstimmung. Ist diese erfolgreich, hat Olten auf das Schuljahr 2024/25 hin ein neues Schulhaus.

Die projektierten Baukosten von knapp 40 Millionen sind ähnlich wie die Kosten vergleichbarer Projekte in anderen Gemeinden. Das geplante Projekt wird sowohl aus architektonischer Sicht wie auch von pädagogischen Fachpersonen gelobt. So weit, so gut könnte man meinen. Wer sich aber auf Facebook umschaut oder das Oltner Tagblatt liest, könnte auch zum Schluss kommen, dass da in Olten aktuell eine Kostenexplosion von elbphilharmonischem Ausmass im Gange sei.

Januar 2018: Wir bauen ein Schulhaus für 6,5 Millionen

Was ist passiert? Im Januar 2018 war vom Stadtrat in den Unterlagen zum ersten Parlamentsentscheid in Sachen Schulhaus Kleinholz die Zahl von 9 Millionen für die Kosten eines neuen Schulhauses genannt worden. Olten würde ein Schulhaus im Stil der "neuen Kanti" in Wohlen erhalten, sagte Iris Schelbert damals in ihrem Schlussvotum:

Im Bericht von Kontextplan seht Ihr 50 Millionen für das Schulhaus inklusive Musikschule, inklusive Aula, inklusive weiss der Geier was. [...] Gut, man sollte es wieder etwas redimensionieren. Nach oben kann man alles machen. Das können wir nicht, und das wissen wir. Wir haben ein Schulhaus vor Augen. Wir konnten dies auch schon anschauen: die neue Kanti in Wohlen. Die Dimension des Schulhauses, das wir wollen, mit allem, was wir auch wollen. Sie haben 6,5 Millionen Franken für eine Holzelementbauweise bezahlt, ökologisch, sauber, schön, angenehm, 6,5 Millionen. Wir haben 15 Millionen im Finanz- und Investitionsplan. Wenn wir sie nicht brauchen, sind wir froh.

Danach gab es in der Sitzung vom Januar 2018 keine weiteren Wortmeldungen mehr zum Thema. Das Parlament beschloss einstimmig, dass der Stadtrat die Planung des Schulhauses Kleinholz starten solle.

Der Schulhausneubau in Wohlen war gar kein Neubau, sondern eine Sanierung.

Ein neues Schulhaus mit 16 Klassenzimmern nach Minergiestandard für 9 Millionen (oder sogar nur 6,5 Millionen, wie Iris Schelbert in ihrem Votum ausführte)? Man hätte schon damals googeln können, um mehr über dieses verdächtig günstige Projekt in Wohlen zu erfahren. Leider hat jedoch niemand recherchiert. Auch wir haben es, naiv wie wir waren, verpasst, dem auf den Grund zu gehen. Unterdessen haben wir uns schlau gemacht. Was dabei zutage kommt, ist höchst interessant: Das 9-Millionen-Schulhaus in Wohlen gibt es gar nicht! Was existiert, ist das Projekt zur Sanierung der Pavillonbauten und der Turnhalle der Kantonsschule Wohlen aus dem Jahr 2009. Die beiden 40-jährigen Gebäude wurden saniert und auf Minergiestandard gebracht. Zum Schnäppchenpreis von 9 Millionen Franken, wie am Ende des Schlussberichtes zum Projekt zu lesen ist.

Kontextplan hatte für den Stadtrat im Sommer 2017 ausgerechnet, dass ein neues Schulhaus 27 Millionen kostet.

Iris Schelbert erwähnte in ihrem oben zitierten Votum den Bericht von Kontextplan zur Schulraumplanung aus dem Sommer 2017, den der Stadtrat hatte erstellen lassen. In diesem Bericht sind auch Zahlen zu den Kosten für ein Schulhaus mit 16 Schulzimmern, 3 Kindergärten und einer Doppelturnhalle dargestellt: 27 Millionen. Für den Investitionsplan empfiehlt die externe Beratungsfirma Kontextplan am Schluss ihres Berichtes, im Bereich Schule mit einem Investitionsvolumen von 50 Millionen zu rechnen.

Auch ohne den Bericht von Kontextplan wäre es möglich gewesen, mit Hilfe der Angaben aus dem Objektarten-Katalog „Bildungsbauten“ und der gewünschten Anzahl Schulzimmern eine Grobschätzung der Kosten zu machen. Diese wäre wohl bei rund 20 Millionen gelegen.

Was die Gründe waren dafür, dass der Stadtrat trotz anders lautender Informationen im Januar 2018 dem Parlament den Preis von 9 Millionen für ein neues Schulhaus nannte, kann man nur erahnen. Das Votum von Iris Schelbert lässt auf einen unbändigen Sparwillen aufseiten des Stadtrates schliessen. Der Schaden dieser Fehleinschätzung ist enorm.

Seit Herbst 2018 läuft das Projekt in geordneten Bahnen, auch was die Kostenschätzungen betrifft.

Seit dem Arbeitsantritt von Kurt Schneider (Leiter der Direktion Bau) verläuft das Schulhausprojekt in geordneten Bahnen. Trotzdem wird bei jedem neuen Planungsschritt wieder die Zahl von 9 Millionen aus der Mottenkiste gezaubert. Begleitet von lautem Geschrei (hier und hier) wird der Fantasiepreis mit der jeweils aktuellen Kostenschätzung verglichen.

Es stimmt, dass die Kosten für das Schulhaus mit jeder Planungsphase gestiegen sind. Die Gründe sind nachvollziehbar und darin zu finden, dass im Verlauf des Projektes neue Anforderungen hinzugekommen sind. Dieses Mal sind es 1,5 Millionen für eine bessere Isolation des Schulgebäudes zur Erreichung des Netto-Null-Zieles und 1,5 Millionen für die Entsorgung von Altlasten im Aushub sowie die Technikanbindung an die Stadthalle. Das ist den Unterlagen, die dem Parlament zugestellt wurden, zu entnehmen.

Die Entwicklung der Baukostenschätzungen für das Kleinholzschulhaus mit Dreifachturnhalle liegt aber im Rahmen der Planungsunsicherheit von Bauprojekten. Zu sehen ist dies in der Entwicklung der Kosten mit fortschreitendem Planungsstand (jeweils in Millionen CHF):

Genauigkeit Schätzung Minimal Maximal
27.9.2018 +/- 25% 29 21 36
20.2.2020 +/- 20% 35 28 42
24.3.2021 +/- 15% 40 35 47

Für uns ist klar: Kostensteigerungen, die während der Planung auftreten, sind uns allemal lieber als solche während des Bauens.

Was wir jedoch absolut nicht nachvollziehen können, ist die Kommunikationspolitik des Stadtrates. In Bezug auf die neue Schulanlage begann das Kommunikationsdesaster im Jahr 2017, als das neue Schulhaus inklusive Turnhalle zum Preis von maximal 15 Millionen präsentiert wurde, und ging weiter im Januar 2018, als an der Parlamentssitzung das Schulhaus für 9 respektive 6,5 Millionen angepriesen wurde.

Die fehlende Fehlerkultur des Stadtrates

Mit der aktuellen Medienmitteilung des Stadtrates geht das Drama nun in die nächste Runde. Mit vielen Worten wird versucht, von den höheren Kosten abzulenken. Stattdessen könnte klar aufgezeigt werden, wo die Kostentreiber liegen. Wie bereits genannt, sind es zusätzliche Anforderungen und unvorhergesehene Effekte, die zu den Mehrkosten führen.

Fehler passieren. Was wir uns aber für die nächste Legislatur erhoffen, ist eine offene Kommunikation der Mitglieder des Stadtrates. Im Idealfall gekoppelt mit dem Mut, öffentlich zu Fehleinschätzungen zu stehen. Denn Fehler sind dazu da, um aus ihnen zu lernen. Hätte der Stadtrat das bereits in Bezug auf die 9-Millionen-Geschichte gemacht, wäre diese nun vom Tisch und würde das Schulhausprojekt nicht mehr verfolgen wie ein schlechter Geruch.

PS: Kleines Detail am Rande, in Wohlen wurde 2017 darüber diskutiert, dass das Schulzentrum Halde saniert werden muss, unter anderem deshalb, weil in den letzten 40 Jahren zu wenig in den Unterhalt investiert wurde. Kostenpunkt der Sanierung: 55 Millionen Franken.