Ich höre immer mal wieder den Satz: „Heute darf man ja nichts mehr sagen!“ Dass die Leute sich in ihrer Redefreiheit beschnitten fühlen, kann ich nachvollziehen. Lasst mich diesen Vorwurf einmal von meiner Perspektive aus beleuchten.

Sprüche wie: „Hast du schon mal Hund (neuerdings auch Fledermaus) gegessen?“, oder: „Woher kommst du ursprünglich?“, bis zu: „Gibt es bei dir auch Happy Ends?“, höre ich heute noch zur Genüge.

Was mich freut, ist, dass immer mehr Menschen dafür sensibilisiert sind, was solche Aussagen beim Gegenüber bewirken. Und dass auch die manchmal sogar durchaus nett gemeinten Fragen verletzend sein können.

Nichtsdestotrotz ist es immer wieder heikel, mich gegen diese Sprüche auszusprechen. Denn bringe ich den Mut auf, mich dagegen zu wehren oder nur ansatzweise meinen Unmut darüber zu äussern, kommen postwendend Rechtfertigungen wie: „Sei nicht so sensibel“, „Du hast mal wieder überreagiert“, oder eben: „Man darf heutzutage ja gar nichts mehr sagen!“

Oft endet der Austausch in einer emotionalen Diskussion. Dies ist anstrengend und aufwühlend – so sehr, dass ich bei solchen Phrasen nicht selten einfach schweige, um mir die Auseinandersetzung zu ersparen. Ich habe daher das Gefühl, dass mir nicht nur meine Meinung, sondern vor allem auch mein Empfinden abgesprochen wird.

Bin ich somit auch ein Opfer der schwindenden Redefreiheit?
Nein! Denn ich darf durchaus meinen Missmut über die Sprüche kundtun. Und nur, weil ich dann in eine Auseinandersetzung gerate, bedeutet das nicht, dass ich und mein Gegenüber keine Redefreiheit mehr haben. Es bedeutet nur, dass der eigenen Meinung widersprochen werden darf und ein Disput bei verschiedenen, manchmal gar grenzüberschreitenden Standpunkten immer vorkommen kann.

Was ich damit sagen will:
Deine eigene Freiheit kann immer gleichzeitig die Freiheit der anderen beschneiden. Und Redefreiheit bedeutet nicht automatisch Konsequenzen-Freiheit.

Man darf also heute noch alles sagen, muss dann aber auch die Konsequenzen tragen.

Dieser Text erschien orginal als Blickwinkel Kolumne in der NOZ vom 13.04.2022.